Aktion Seebrücke Dortmund 04.08.2018

Deutschlandweit wurde am Samstag zum „Day Orange“ aufgerufen und so an die Festsetzung des Rettungsschiffs „IUVENTA“ der Hilfsorganisation „Jugend rettet“ in Italien am 04. August 2017 erinnert. Viele tausende Menschen gingen in dutzenden Städten auf die Straße, um auf die Tragödien, die sich im Mittelmeer abspielen, aufmerksam zu machen und gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung zu demonstrieren.
In Dortmund gingen gestern rund 700 Menschen auf die Straße und forderten, das Ertrinken im Mittelmeer zu stoppen. Auf Bannern und Plakaten wurden sichere Häfen und Solidarität mit Geflüchteten gefordert und gegen die Schließung von Grenzen und die Kriminalisierung von Seenotrettung demonstriert. Die Demonstration begann in der Kleppingstraße und endetet am Stadtgarten. Dort wurden als Andenken an die im Monat Juli 629 ertrunkenen Menschen im Mittelmeer 629 orangene Schwimmkerzen in das Wasser des Gaukler-Brunnens gesetzt. Desweiteren gab es am Ende mehrere Redebeiträge.
Auch unser Verein nahm an der Demonstration teil und mobilisierte im Vorhinein für die Veranstaltung. Auf unserem Banner forderten wir, das Ertrinken im Mittelmeer zu stoppen und sichere Fluchtwege zu schaffen. Unter den Redebeiträgen stach vor allem der bewegende Beitrag von Ahmad hervor. Ahmad wird von unserem Verein betreut. Ein Mitglied unseres Vereins trug die schrecklichen Erlebnisse Ahmads vor. Ahmad musste aus Syrien fliehen, über das Mittelmeer. Er schaffte es, seinem Bruder war dieses Glück leider nicht vergönnt. Ahmads Bruder ertrank auf seiner Flucht im Mittelmeer.
Den ganzen Beitrag könnt ihr hier lesen:
"Ich, Ahmad, bin einer von vielen, die ihre Heimat Syrien verlassen mussten, weil man dort einfach nicht mehr leben konnte. Der Krieg hat alles zerstört, unsere Wohnung wurde bombardiert.
Mein Vater hatte keine Arbeit mehr und es wurde immer schlimmer, bis meine Familie und ich zu der Entscheidung kamen, ich muss weg, in ein Land, wo man in Frieden leben kann.
Es klingt so einfach, es war aber das ganze Gegenteil. Dass man sich von dem Ort verabschieden muss, an dem man aufgewachsen ist, wo man seine Kindheit verbracht hat, wo man vielleicht seine erste Liebe hatte, wo man glücklich war. Meine Familie konnte es einfach nicht begreifen.
Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich war damals 16 Jahre alt und hatte immer auf eine bessere Zeit gehofft und immer daran geglaubt.
Dann stand ich schließlich vor der Entscheidung, nach Europa zu fliehen, um nach einem neuen Leben zu suchen. Die erste Station war Ägypten, aber dort gab keine Perspektive, ich durfte nicht bleiben.
Ich wusste genau, was das für ein Risiko ist, sich auf den Weg nach Europa zu machen, obwohl ich noch so jung war. Aber ich wollte leben, wollte etwas Sinnvolles tun, wollte ein kleines bisschen die Welt verbessern. Ich wusste in dem Moment nicht, woher ich den Mut hatte, einen solchen Weg zu gehen.
Dann aber fand ich mich in einer Schwimmweste, mit 300 Leuten auf einem viel zu kleinen Boot wieder. Unsere einzige Gemeinsamkeit waren das Leid, die Angst und das Gefühl einer großen Hilflosigkeit.
Es hört sich vielleicht übertrieben an, aber ich kann es nicht mit Worten beschreiben. Ich kam nach 15 Tagen in Italien an und wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Für mich sollte ein neues Leben beginnen.
Aber: Die Fragen, was ist mit meiner Familie, was ist mit meiner Heimat, komme ich noch mal in meine Heimat zurück, was ist überhaupt mein Platz auf dieser Welt quälten mich täglich und tun es noch immer.
Dann endlich entschied sich mein älterer Bruder, auch nach Europa zu kommen. Das hat mich sehr erleichtert und beruhigt. Mein Bruder war immer an meiner Seite und ich würde hier, zusammen mit ihm, alles hinbekommen.
Er hat es nicht geschafft! Er ist ertrunken und hat unsere Herzen mitgenommen. Ich kann ihn nicht vergessen. Seitdem ist meine Mutter krank vor Schmerz. Sie und mein Vater hatten gehofft, uns nach drei Jahren wieder zu sehen.
Sie können das nicht verarbeiten und damit fertigwerden und ich kann es auch nicht! Sie alle stehen heute hier um das zu verhindern, was meinem Bruder und damit meiner ganzen Familie geschehen ist. Und deshalb bin auch ich hier. Danke, dass sie mir zugehört haben.“